Agricola, Neuauflage

AgricolaAgricola ist ein Klassiker, den es seit 2007 gibt. Ich bin allerdings recht spät zu diesem Spiel gekommen und schreibe daher über die neuaufgelegte Kenner-Version aus 2016. Während die ursprüngliche Version eine Familien- und eine Kennerversion enthielt, hat sich Lookout Games dazu entschlossen, dies nun in zwei Spiele aufzuteilen. Ein Grund, warum ich erst so spät zu diesem Spiel gekommen bin, liegt in der Tatsache, dass es recht komplex daherkommt. Zumindest machte ein Blick in die Regel diesen Anschein. Agricola ist jedoch eines dieser Spiele, die letztlich recht simpel in der Ausführung sind, wenn man sie denn einmal gespielt hat. Allerdings heißt die simple Ausführung der einzelnen Spielzüge nicht, dass man sich nicht ganz schön das Hirn verrenken kann, will man gegen seine Mitspieler bestehen.

Worum geht es? Meine Frau fragt sich zwar noch immer, wie ich mein „großes Latinum“ erhalten konnte, jedoch konnte ich mir immerhin noch merken, dass agricola der Bauer ist. Zur Not hätte ich auch noch in meinem Stowasser nachschlagen können, Es geht also im Großen und Ganzen um die Landwirtschaft. Über die Brücke des lateinischen Begriffes und dass das Spiel nicht „Die Agrartechnikerin“ heißt, erkennt man auch schon, dass es hier um die urtümlichere Landwirtschaft handelt. Das Spiel wird im 17. Jahrhundert angesiedelt und es geht darum, einen aufstrebenden Bauernhof zu pflegen. Äcker wollen gepflügt und eingesät werden, Weiden und Ställe für das Vieh gebaut werden, Schafe, Wildschweine und Rinder gezüchtet werden. Auch an den Hausbau will gedacht werden, denn der Hoferbe, der bereits früh mit anpacken muss, will untergebracht werden.

Man sieht bereits, dass die Möglichkeiten vielfältig sind und wer vorne mitspielen möchte, muss in allen Bereichen zumindest ein bisschen was tun. Denn während es für alle Möglichkeiten, die bei Spielende ausgeschöpft wurden, Pluspunkte gibt, gibt es ebenso Minuspunkte, wenn man etwas gänzlich vernachlässigt hat. Diese Möglichkeiten stehen allerdings nicht alle bei einem Spielzug zur Verfügung. Begrenzt wird die Auswahl auf vielerlei Arten. Zum einen sind die Aktionen mit einem Familienmitglied auszulösen. Mehr Familienmitglieder bedeutet daher mehr Möglichkeiten. Gleichzeitig wollen aber auch die Mitspieler ihre Aktionen durchführen und jede Aktion kann nur mit einem Familienmitglied für einen Spieler ausgelöst werden. Wer da am Ende der Zugreihenfolge ist, hat schon einmal weniger Auswahl und muss seinen zuvor gefassten Plan ggf. anpassen. Daneben werden die Möglichkeiten auch erst im Laufe des Spiels freigegeben. Runde für Runde kommen neue Möglichkeiten hinzu. Kann man etwa am Anfang noch gar kein Stein oder Rindvieh bekommen, stehen später auch Familiennachwuchs oder Wildschweine zur Verfügung. Bis dahin verschieben sich aber die Prioritäten bei der Auswahl der Aktionen. Anfangs sind es grundlegende Dinge, wie Nahrungsbeschaffung und Weidenbau, später eher die Renovierung vom Holz- über Lehm- zum Steinhaus oder der Nachwuchs, die im Fokus der Spieler stehen.Agricola

In der Zwischenzeit gilt es am Ende einer jeden der 14 Runden seine Familie zu ernähren. Schafft man dies nicht, erhält man eine Bettelkarte für jede Nahrung, die fehlt. Da diese jeweils 3 Minuspunkte zählen, sollte man dies tunlichst vermeiden.

Wesentlich sind in der Kennerversion von Agricola noch die Ausbildungen und kleinen und großen Anschaffungen. Dies sind Karten, die teilweise mit Rohstoffen gekauft werden müssen, jedoch dann bestimmte Vorteile anbieten. Dies bringt noch einmal mehr Schwung in das Spiel, denn die Spieler haben unterschiedliche Karten bei den Ausbildungen und kleinen Anschaffungen am Anfang des Spiels erhalten und damit unterschiedliche Möglichkeiten. Hier empfehle ich übrigens einen der in den Varianten beschriebenen Drafting-Mechanismen. So lässt es sich verhindern, dass jemand durch reines Kartenglück bereits eine gute Starthand erhält. Die verschiedenen großen Anschaffungen sind nur begrenzt vorhanden. Teilweise greifen die Karteneffekte ineinander, so dass man über Kombinationen eine bestimmte Strategie während des Spiels fahren kann, so dass man die Vorteile zu seinen Gunsten nutzt.

Natürlich gibt es Feinheiten in der Regel, die beachtet werden müssen. Wesentlich für das Spielprinzip sind sie jedoch nicht. Alles in allem kann man das Spiel also nach ein bis zwei Spielen gut erfassen. Pro Spieler kann man mit etwa 30 Minuten Spielzeit rechnen. Wie üblich bei Uwe Rosenberg-Spielen, lässt sich Agricola auch alleine spielen, so dass man mit 30 bis 120 Minuten Spielzeit rechnen muss. Es gibt nun auch eine Erweiterung für fünf bis sechs Spieler, die ich aber bisher noch nicht gespielt habe. Ich weiß nicht, ob man hier auch mit einer weiteren Spielzeitverlängerung im obigen Maßstab rechnen muss.

Mittlerweile gibt es auch ein App für iOS, die ich nur empfehlen kann. Zum einen gibt es ein Tutorial, mit welchem man sich an das Spiel heranführen lassen kann. Zum anderen entfallen Auf- und Abbau und die Künstliche Intelligenz ist recht gut, aber auch schlagbar. So kann man in einer guten Dreiviertelstunde ein schönes Spiel zu dritt erleben.

AgricolaMehr Spaß macht es natürlich mit Mitspielern, die einem am Spieltisch gegenübersitzen. Auch, wenn es sich hier um ein schönes Arbeitereinsetz- und Optimierspiel handelt, kommt mit dem Wegschnappen von Aktionen nämlich die Interaktion nicht zu kurz. Es muss nicht immer Handel sein. So macht mir die Solovariante auch weniger Spaß. Agricola ist für mich ein schönes Kennerspiel mit einer leider recht hohen Einstiegshürde. Wer sich aber hier die Mühe macht oder aber durch die Einführung durch einen versierten Agricola-Spieler abnehmen lässt, hat einen schönen Klassiker, dem man sein Alter nicht anmerkt.

Wertung

 

Christian 10

Die erste muss, die zweite darf…

Bohnanza

Heute möchte ich einmal über ein Spiel berichten, das in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum feiert. Bohnanza aus dem Jahre 1997 ist sicherlich ein Klassiker – aber mein Lieblingsklassiker. Es handelt sich um ein Kartenspiel, welches ein paar Kniffe hat, die es besonders machen.

Zunächst fällt ins Auge, dass es in der Grundversion mit drei bis fünf Spielern gespielt werden kann. Zwei Spieler gehen hier nicht. Das ist aber nur folgerichtig, denn es handelt sich um ein Spiel mit Handelsmechanismus und zu zweit ist dies schwierig.

Die Spieler müssen auf Ihren Feldern Bohnen sortenrein anbauen. Wenn man sie letztlich erntet (oder ernten muss, da nur eine Bohnensorte pro Feld angebaut werden darf) erhält man ab einer Mindestanzahl gestaffelt Bohnentaler – die Siegpunkte. Je öfter eine der acht Bohnensorten dabei ist, umso mehr Bohnen muss man pro Feld anbauen, um auch die höchste Stufe – vier Bohnentaler – zu erreichen. Nun wäre es ja ein leichtes von seiner Kartenhand eine der acht Bohnensorten auf eines der zwei Bohnenfelder auszuspielen (ein drittes kann man später für einen Bohnentaler hinzukaufen). Irgendeine Kombination geht sicherlich immer. Aber so leicht wird es uns hier nicht gemacht.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kartenspielen, darf hier nicht beliebig aus der Kartenhand gespielt werden. Vielmehr darf die Reihenfolge der Karten auf der Hand nicht geändert werden und es wird immer von vorne ausgespielt. Die ersten Partien ist dies reichlich ungewohnt und man ist immer versucht, die Kartenhand zu sortieren. Dieser Modus limitiert natürlich die Möglichkeiten, wenn man nicht geschickt spielt und dafür auch das Handelsmoment nutzt. Denn nachdem man die erste Karte ausspielen muss, die zweite ausspielen darf, muss man zwei weitere Karten ziehen, die es anzubauen gilt. Entweder sie passen einem und daher werden sie selbst angebaut oder sie passen nicht zu den bereits angebauten Bohnen und man versucht sie den Mitspielern anzudrehen.

Bohnanza

Hier kann man alles in die Waagschale werfen. Entweder es bleibt bei den einzelnen Karten oder man fügt noch weitere von seiner Hand hinzu, um es den Mitspielern schmackhaft zu machen oder weil es sich taktisch anbietet, bestimmte Karten loszuwerden. Hier hat für mich das Spiel die größte Stärke. Alle wollen irgendwie handeln, so dass es in den meisten Fällen auch zu einem Handel kommt. Mit mal mehr und mal weniger guten Ergebnissen. Und wenn wirklich gar keiner mit einem handeln will, muss man seine Strategie eben anpassen. Das funktioniert in meinen Augen wesentlich besser als etwa bei Catan. Wenn hier jemand in Führung ist, handelt im Regelfall der Rest nur noch zu äußerst ungünstigen Konditionen mit demjenigen – wenn überhaupt.

Bei Bohnanza kommt es also auf eine gute Taktik ebenso an, wie gut handeln zu können. Das Glücksmoment ist beim Nachziehen der Karten natürlich vorhanden, jedoch kann es durch geschicktes Handeln und Anbauen gut eingegrenzt werden. Eine Runde Bohnanza spielt sich in etwa 45 Minuten, womit das Kartenspiel zu den längeren seiner Art gehört. Allerdings ist man auch bei großen Runden nicht unbeschäftigt, denn schließlich gilt es immer mit dem aktuellen Spieler ins Geschäft zu kommen. Eine „Downtime“ gibt es nicht.

In den zwanzig Jahren sind etliche Erweiterungen und „Spin-Offs“ zu dem Grundspiel gekommen. Insgesamt listet Boardgamegeek 25 Erweiterungen. Da sind recht essentielle darunter, wie etwa die Erweiterung, um das Spiel auch mit sieben Spielern zu spielen. Im Übrigen muss ich aber sagen, dass mir das Grundspiel – auch wegen seiner Einfachheit – am besten gefällt.

BohnanzaEinige „Spin-Offs“ sind allerdings ebenso interessant. Etwa „Würfel Bohnanza“ oder ganz neu „Bohnanza – Das Duell“, mit dem man das Spiel nun auch zu zweit spielen kann. „Mein erstes Bohnanza“ ist die Juniorversion, mit der man über ein pädagogisches Konzept einer vereinfachten Version immer detailliertere Regeln hinzufügt, bis man schließlich beim Original-Bohnanza landet. Ich habe damit erfolgreich meine Tochter an das Spiel heranführen können und es funktioniert tatsächlich schon ab vier Jahren.

Ich möchte nicht sagen, dass es jedermanns Spiel ist, aber bei mir rangiert es ganz oben.

Wertung

Christian 9