Es ist kein Grübelspiel

AdrenalinEnde letzten Jahres fand ein – für mich – eher ungewöhnliches Spiel Einzug in meine Spielesammlung. Adrenalin. Ein Egoshooter als Brettspiel. Kann das überhaupt funktionieren? Ich war schon immer technikaffin und auch Computerspiele gehören zu meiner Spielergeschichte. Neben Strategieklassikern à la Sid Meier’s Civilization oder der Anno-Serie gab es auch gemeinsame Egoshooter (ist das ein Oxymoron?) -Wochenenden beginnend mit Doom oder Duke Nukem 3D. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob dies gewaltverherrlichende Spiele sind oder ob dies überhaupt Spiele sind. Mache ich hier aber nicht. Gerade bei einem Brettspiel wie Adrenalin sehe ich den Abstrahierungsgrad als recht hoch an.

Bei Adrenalin treten bis zu fünf wackere Avatare an, einander in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Wobei das schon nicht ganz korrekt ist, da man „respawnt“, wenn man ordentlich die Hucke vollbekommen hat. Man wird also nur kurzfristig aus dem Verkehr gezogen, um sich gleich wieder ins Getümmel stürzen zu können. Schaden fügt man den anderen mit diversen Waffen zu, die alle unterschiedliche Auswirkungen haben. Es gibt Nahkampfwaffen, die nur auf dem eigenen Feld eingesetzt werden können und Fernkampfwaffen, die für weitere Entfernungen auch in anderen Räumen sind. Mit manchen kann man einzelne Avatare erwischen, andere sorgen gleich bei mehreren für ordentlich Schaden. Bei einigen kann man mit mehr Munition – die vorher auch eingesammelt worden sein will – mehr Schaden verursachen, wieder andere haben alternative Möglichkeiten Schaden zu verursachen. Kurzum: es gibt für jeden etwas und eine gesunde Mischung trägt zum Spielerfolg bei. Die bei Egoshootern obligatorische Kettensäge gibt es leider nur als Promokarte; aber immerhin.

Man hat in seinem Spielzug mehrere Aktionen zur Auswahl (Laufen, Zeug nehmen, Rumballern). Wovon man zwei (oder auch eine zweimal) ausführen darf. Das namensgebende Adrenalin sorgt dafür, dass diese Aktionen stärker sind, wenn man bereits einigen Schaden auf seinem Tableau durch die Mitspieler eingesteckt hat. So darf man dann etwa als eine Aktion auch erst ein Feld laufen, bevor man schießt, während man ohne Schaden sich nur mit einer zusätzlichen Aktion vor dem Schuss bewegen darf.

Punkte erhält man zum Beispiel für den ersten Treffer bei einem Avatar und für die meisten Treffer bei Wertung eines Tableaus, nachdem der Avatar über zehn Schadenspunkte kassiert hat. Wer den finalen Treffer landet muss daher nicht die meisten Punkte für den Abschuss erhalten. Ohnehin bekommt man sodann zukünftig weniger Punkte für einen erneuten Abschuss desselben Avatars.

Diese Regelungen führen zu einem recht ausgewogenen Spiel, bei dem sich niemand vorzeitig allzu weit absetzen kann und jemand anderes immer die Hucke vollbekommt, weil sich alle gegen ihn verschworen haben.

Natürlich gibt es noch kleinere Regelfeinheiten und Kniffe, jedoch ist das Spiel in den Grundzügen in etwa zehn Minuten (neben dem Aufbau) erklärt. Dann kann man einfach starten und den Rest nebenbei beibringen. Ohnehin ist dieses Spiel nicht dazu geschaffen, zu sehr mit dem Kopf heranzugehen und seine Züge im Voraus zu planen. Wenn man Mitspieler hat, die nicht aus dem Bauch heraus spielen, ist das Spiel zäh und ungenießbar. Das Egoshootergefühl will dann nicht rüberkommen und man fühlt sich als ob man mit lauter „Campern“ spielt.

Es ist kein Grübelspiel.

Wenn man hingegen eine Truppe hat, die das Spiel nicht Bierernst nimmt, hat man knapp über eine Stunde eine Menge Spaß mit viel Interaktion.

Das Spiel bietet auch noch zwei weitere Varianten an (Herrschaftsmodus und Geschützmodus), die für Abwechslung bei der Punktevergabe sorgen und sich teilweise ganz anders spielen. Der Herrschaftsmodus ist mir hingegen wiederum zu statisch und nimmt Geschwindigkeit aus dem Spiel. Dies tut ihm nicht gut. Der Geschützmodus ist allerdings ebenfalls gut spielbar.

In unserer Gruppe kam das Spiel jetzt bereits diverse Male auf den Tisch und der leichte Zugang sorgte auch für immer neue Konstellationen. Man darf übrigens nicht annehmen, dass dieses Spiel allein der männlichen Bevölkerung vorbehalten ist. Bei uns hatten auch die Damen bisher Spaß mit diesem Spiel und teilten in diesem auch ordentlich aus.

Also: auf ins Getümmel. Es ist kein Grübelspiel.

Wertung

Christian 8/4*/7**

*Herrschaftsmodus

** Geschützmodus